DIE ZEIT

 7/2000

Mythos Garage

 Detlef Borehers

Wenn es eine amerikanische Geheimwaffe gibt, dann ist es die Garage", schrieb die Zeitschrift Fortune im Jahr 1996. "In Garagen wurden die Ideen ausgebrütet, die unser Land groß machten." Das erste Garagen-Start-up war die Ford Motor Company. Auch Walt Disney, Delta Airlines und die Barbiepuppenfirma Mattel haben so angefangen. Eine Garage hat es sogar offiziell zum Monument amerikanischer Geschichte mit der Inventarnummer 976 gebracht: die, in der Bill Hewlett und Dave Packard im Jahr 1939 begannen, technische Instrumente zu bauen - der Grundstein nicht nur für ihren persönlichen Reichtum, sondern auch für den Boom im Silicon Valley. "Das Prinzip Garage" betitelt darum Hewlett-Packard eine millionenschwere Werbekampagne, in deren Mittelpunkt der Originalschuppen steht. Mithilfe der Fotoretusche künstlich gealtert und auf einen Waldweg kopiert, kündet das Bild davon, dass man fernab jeder Kommunikationskultur und -infrastruktur erfolgreich sein kann. "Keine Machtspielchen. Keine Bürokratie", heißt es in der Anzeige. Passend zum Hauch von Chaos bildet die Zeitschrift brand eins, Zentralorgan der neuen deutschen Existenzgründer, das Innere der Garage mit einem kleinen Preisrätsel ab.

Den Mythos von der Garage nutzten schon Steve Jobs und Stephen Wozniak aus, als sie mit dem Bau der Apple-Computer begannen. Jobs glaubte, auf diese Weise leichter Bauteile und Tipps von Bill Hewlett zu bekommen (er bekam sie). Wer keine Garage hat, der muss sich anders behelfen. So wie das Ehepaar Sandy Lerner und Leonard Bosack, das seine ersten Router (das sind die Rechner an den Verbindungsknoten des Internet) in seiner Wohnung fertigte. Das Schlafzimmer war das Labor, im Wohnzimmer wurde geschraubt, und auf der Toilette wurden die Gehäuse lackiert. Der chaotische Laden finanzierte sich über die Kreditkarten aller Beteiligten. Erst als die Bestellungen brummten, beteiligte sich 1987 ein Risikokapitalgeber an der Firma. Heute hat Cisco Systems den drittgrößten Börsenwert der Welt. Das Gründerehepaar wurde freilich von dem Geldgeber hinauskomplimentiert. Mit je 100 Millionen Dollar in der Tasche verließen Lerner und Bosack nach dem Börsengang die Firma. "Wir hätten wohl besser in einer Garage anfangen sollen", scherzt Sandy Lerner heute. Mittlerweile hat sie eine eigene Firma, das Kosmetikimperium Urban Decay.